Andreas Schumacher,*1981 in Bietigheim-Bissingen, Studium der Literaturwissenschaft in Stuttgart. Ab 2007 Veröffentlichung von Gedichten, Geschichten und Szenen in Zeitschriften und Anthologien. Als Einzeltitel erschienen zuletzt Die Zeckenbürstenkatzentreppe. Szenen und Erzählungen (Chaotic Revelry Verlag, 2013) sowie Der Zauberberg in sieben Strophen (songdog Verlag, 2017)


Alle vier Wochen (aus Die Zeckenbürstenkatzentreppe)

 

[Donnerstag, 17.07.2011, 10:33 Uhr]

Betreff: Bestellung via buchsuch.de („Alle sieben Wellen“)


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Hallo Yannick Schneckhäuser,


Bestellung am 17.07.2011 von

Frau Ilsbeth Schwarzhner (mmfan27)

E-Mail: ilsbeth.schwarzhner27@********.de

 
Glattauer, Daniel: Alle sieben Wellen; Taschenbuch; Goldmann;

219 Seiten, 214 g; Bestell-Nr.: 00041; 4,50 Euro

 

Zahlungsart: Banküberweisung (Vorkasse)

Versandkosten: 1,50 Euro

Gesamtpreis: 6,00 Euro


Bitte bestätigen Sie diese Bestellung Ihrem Kunden per E-Mail und

klären Sie gegebenenfalls die Zahlungsmodalitäten.

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[2 Tage, 3 Stunden später]

Hallo Frau Schwarzhner, vielen Dank für Ihre Bestellung über buchsuch. Bitte entschuldigen Sie die kurze Verzögerung und überweisen Sie 6,00 Euro auf folgendes Konto. Nach Bestätigung der Zahlung werde ich Ihnen das Buch schnellstmöglich zusenden. Mit freundlichen Grüßen, Yannick.

 

[37 Minuten später]

Guten Tag, habe eben online überwiesen. Herzliche Grüße. Ilsbeth.

 

[23 Stunden später]

Das ging aber schnell. Buch geht nach Bestätigung gleich raus.

 

[42 Sekunden später]

Danke. Freue mich schon. Herzliche Grüße. I.

 

[31 Stunden später]

Nichts zu danken.

 

[7 Tage, 13 Stunden später]

Haben Sie das Buch schon abgeschickt? Grüße. Ilsbeth Schwarzhner.

 

[28 Stunden später]

Wo bleibt denn das Buch? I.

 

[19 Stunden später]

Lieber Yannick, sind Sie verreist? Ihnen ist hoffentlich nichts zugestoßen. Falls nein, bitte geben Sie eine Antwort oder ich reklamiere „Buch nicht erhalten“.

 

[4 Stunden, 12 Minuten später]

Liebe Ilsbeth, sorry für die Verzögerung. Leider ist noch kein Kontoauszug bei mir eingetroffen, der eine Zahlung von 6,00 Euro von Ihnen an mich belegen würde. Buch wird abgeschickt, sobald Kontoauszug da und alles ok ist. MfG, Yannick.

 

[37 Minuten später]

Machen Sie Scherze? Sie können sich doch nicht allen Ernstes bei einem Online-Büchermarkt anmelden, Bücher anbieten, Geld kassieren und dann so lange warten, bis rein zufällig mal (alle vier Wochen?) ein Kontoauszug bei Ihnen eintrifft. Ich weiß ja nicht, wie Sie zu Ihren drei positiven Bewertungen gekommen sind, aber wenn Sie sich mal die Mühe machten, meine Profildaten samt den zu mir abgegebenen Kommentaren anzusehen, so würden Sie ohne Zweifel erkennen, dass ich bei den anderen Usern auf buchsuch für meine „superschnelle[n] Überweisung[en]“, meine „unkomplizierte Abwicklung“ und meinen „nette[n] Kontakt“ bekannt bin. Daher mein letzter Aufruf an Sie: Versenden Sie das Buch spätestens morgen! – oder ich gebe Ihnen eine negative Bewertung. Mit freundlichen Grüßen. Ilsbeth Schwarzhner.

 

[4 Stunden 42 Minuten später]

Wie ich zu meinen 3 positiven Bewertungen gekommen bin? Nun, eigentlich geht Sie das herzlich wenig an, aber bitte schön. Die drei Käufer hatten eben Glück, dass ich kurz nach ihrer Bestellung jeweils rein zufällig einen Kontoauszug erhielt, der mir die Zahlung bestätigte. Sie hatten halt Pech. Wenn Sie sich vor Ihrer Bestellung die Mühe gemacht hätten, in meinem Profil nach meinen Versandmodalitäten zu schauen, dann hätten Sie mit einiger Wahrscheinlichkeit gesehen, dass dort steht, der Versand erfolge „spätestens drei Tage nach Überweisungsbescheid“, d.i., da ich kein Online-Banking tätige, der entsprechende Kontoauszug. Mit freundlichen Grüßen, Yannick.

 

[31 Minuten später]

Verehrter Herr Schneckhäuser, ich weiß ja nicht, ob Sie es schon mitbekommen haben: buchsuch entwickelt sich für mich langsam, aber sicher zum Fluchsuch. Seit über neun Stunden sitze ich nun vor meinem PC – bei meinem Rückenleiden! – und warte vergeblich auf eine vernünftige Antwort von Ihnen, die endlich auf eine baldig erfolgreiche Abwicklung hoffen ließe. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, meinen Mann einzuschalten – er war im 2. Weltkrieg Soldat und ist noch sehr rüstig. Was erlauben Sie sich?! Wie alt sind Sie überhaupt, wenn ich fragen darf. Aus Ihrem super neumodischen, mäßig originellen Vornamen (für den Sie natürlich nichts können) schließe ich, dass Sie höchstens 20 sind. Eher 12. Sie wissen aber, dass eine Anmeldung bei buchsuch erst ab 18 Jahren gesetzlich erlaubt ist? Was ist nur aus der Jugend von heute geworden! Sie wollen mir doch nicht allen Ernstes weismachen, dass Sie zu bequem sind, IHREN HINTERN (Verzeihung!) hochzukriegen, zu Ihrer Bank zu gehen und sich einen Kontoauszug ausdrucken zu lassen (es gibt dort nämlich mittlerweile tatsächlich Kontoauszugsdrucker, falls Sie das nicht wussten, das weiß sogar ich als 83-jährige Online-Bankerin), wenn Sie denn schon so misstrauisch gegenüber Fremden sein müssen und einer Person ihre Mitteilung „habe eben überwiesen“ nicht abnehmen, obwohl diese Person (ich!) sage und schreibe 78 ausnahmslos positive Bewertungen erhalten hat und (ich habe nachgezählt) 17 Mal explizit als „schnelle Überweis[erin]“, „Blitz-Bezahl[erin]“ u.dgl. mehr hervorgehoben wurde. Haben Sie das Buch im Übrigen abgeschickt? I. 

 

[3 Stunden, 44 Minuten später]

Machen Sie Witze? Wissen Sie, was so ein Kontoauszugs-Ausdruck kostet? Wenn ja – denken Sie, ich sei Millionär? Wenn nein – 0,40 Euro. Das sind 40 Cent! 80 Pfennig! Oder wie Ihr Mann vielleicht sagen würde: 80.000 Reichsmark (habe eine 2 in Geschichte). Woher wollen Sie überhaupt wissen, in welcher Verbindung ich zu meiner Bankfiliale stehe? Spionieren Sie mir jetzt schon hinterher? Falls nein (zu Ihrer Info): Nicht jedes Dorf besitzt heutzutage noch eine Bankfiliale. Auch meine Bank (die Kreissparkasse, wie Sie wissen – da sehen Sie mal, was Sie schon so alles über mich wissen, ich z.B. kenne Ihre Bank nicht und werde sie auch niemals kennen, geschweige denn Ihre Kontonummer) hat in den letzten Jahren (besser: im letzten Jahrzehnt) 17% ihrer Filialen geschlossen. Nicht, dass ich derlei jetzt auswendig gewusst hätte, nein, ich musste extra eine Internetrecherche durchführen, um Ihnen diesen allzu offensichtlichen Fakt stichhaltig und gewissenhaft belegen zu können. Da sehen Sie mal, wie viel Zeit ich für Sie investiere. Eigentlich müsste ich auf Ihre 6 Euro eine Komplikationsgebühr draufschlagen. Wenn Sie aber nach wie vor darauf bestehen sollten, dass ich Ihnen das Buch bereits VOR dem 8. des kommenden Monats zusende (dann nämlich erhalte ich – ohne Gewähr! – meinen monatlichen Kontoauszug), dann überweisen Sie bitte zusätzlich zu den 6 überwiesenen Euro (ich gehe jetzt der Einfachheit halber mal davon aus, dass Sie die 6 Euro überwiesen haben) noch einmal 2,55 Euro auf mein Konto, Kontodaten sind Ihnen bekannt. Und damit Sie gar nicht erst in Versuchung geraten, mich undurchschaubarer und willkürlicher Forderungen zu bezichtigen, hier eine Aufschlüsselung der für mich entstehenden zusätzlichen Kosten.

 

1. Gang zur Kreissparkasse

Kilometergeld:.........................................................0,50 Euro

GemesseneWegstrecke* (hin und zurück):................ 4,3 km

Zwischensumme Kosten:.........................................2,15 Euro

 

2. Sonstiges

Ausdruck eines Kontoauszugs: ................................0,40 Euro

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Anfallende Kosten:................................................... 2,55 Euro

 

*heute gemessen, extra für Sie (mit einem Kilometerzähler), unentgeltlich!

 

Sie sehen, auch so ist das Buch noch günstiger, als wenn Sie es neu kauften. Wenn Sie bedenken, dass ich für die ganze Aktion etwa anderthalb Stunden unterwegs bin, werden Siesehen, dass ich weit unter Mindestlohn arbeite. Zum Vergleich: David Beckham (Fußballer) bekommt, ich habe es eigens für Sie ausgerechnet (habe eine 1 in Mathe), ein Kilometergeld von 10.000 Euro. Und der schickt Ihnen aber kein Buch zu. Mit freundlichen Grüßen, Y.

 

[22 Minuten später]

LieberYannick, Sie sind wirklich der größte Knauser von einem Sesselfurzer, den ich je (in meinem langen Leben!) kennengelernt habe. Kann es sein, dass Ihnen langweilig ist, Sie sich lediglich ein bisschen interessant machen wollen? Wegen lausiger 40 Cent führen Sie solch ein Theater auf! Wissen Sie, dass wir früher einen Stundenlohn von 50 Pfennigen hatten? Und ein Kilo Kartoffeln drei Mark kostete? Aber wissen Sie was? Morgen werde ich mit dem Bus in die Stadt fahren, in einen Buchladen gehen und mir das Buch eigenhändig kaufen. Zum vollen Ladenpreis von 8,95 Euro. Meinen Kauf hier hingegen werde ich schlichtweg stornieren. Ich wünsche Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg weiterhin solch gute bis sehr gute Schulnoten. (In der Schule des Lebens allerdings  –  ach, lassen wir das ...) „Ihre“ Ilsbeth Schwarzhner.

 

[16 Stunden, 1 Minute später]

Liebe Ilsbeth, Buch soeben abgeschickt. Habe heute Morgen überraschenderweise einen Auszug ins Haus gesandt bekommen (hatte zweimal im Vollsuff Geld abgehoben und nicht mehr dran gedacht). Danke für die superschnelle Überweisung. Stand mit meinem Mofa leider im Parkverbot, als ich Ihr Päckchen zur Post brachte – prompt 15 Euro kassiert, fucking shit! Ihre Mail von gestern leider eben erst gelesen, hoffe, Sie waren noch nicht in der Stadt, das Buch kaufen. Sonst haben Sie’s halt doppelt, aber soll ja nicht schlecht sein, sagt meine Mutter, und zur Not lässt sich’s ja auch mühelos wieder verkaufen. Wie geht’s Ihrem Mann? Herzliche Grüße, Ihr Yannick. (Sollten wir uns nicht duzen?)

 

[17 Stunden, 12 Minuten später]

Betreff: Vorsicht, Blitzkrieg!

Sehr geehrter Yannick Schneckhäuser, ich kenne Sie nicht, aber aus dem Briefwechsel, den Sie hier in den vergangenen Tagen und Wochen mit meiner Frau geführt haben, wird mir einiges klar. Tut mir leid, dass ich in Ihren Briefwechsel Einblick nehmen musste, aber meine Frau ist seit gestern Nachmittag verschwunden, das heißt, sie ist die ganze Nacht weg gewesen. Da auch ein Küchenmesser und mehrere hundert Euro aus der Haushaltskasse fehlen, musste ich leider zu der Schlussfolgerung gelangen, dass meine Frau sich auf den Weg zu Ihnen gemacht hat, um das Buch, das Sie ihr offenbar nicht schnell genug geliefert haben, persönlich einzufordern. (...) 

 

 

 

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